Olympus 300mm f4 – Stoff zum Verlieben?

Seit ziemlich genau zwei Jahren, warten Teile der mFT Gemeinde -fast sehnsüchtig möchte man sagen- auf die neue Festbrennweite im Supertele Bereich – das Olympus m. Zuiko 300/4. Mit seinen KB äquivalenten 600mm und einer immer noch respektablen Anfangsöffnung von f4, ist es keine Linse für Jedermann und jede Gelegenheit. Es sei denn man ist (im Hauptberuf) Sport-/Wildlifefotograf, sammelt alle Olympus Objektive oder hat schlichtweg zuviel Geld über. Womit wir auch gleich bei einem heiss diskutierten Thema wären – dem Preis für diese Linse. Olympus ruft stolze 2599 € für die längste Festbrennweite im mFT Objektivprogramm auf. Macht 2,05 € pro Gramm (1270g) oder 11,45 € pro mm (227mm) Linse. Zum Vergleich – Canon verlangt für sein EF 600/4 II IS schlappe 12.869 € (UVP), macht 3,28 € pro Gramm (3920g) bzw. 28,73 € pro mm (448mm). Insofern relativiert sich der für mFT Verhältnisse sehr hohe Preis im direkten Vergleich. Ja ich weiß – die Bildwirkung des 300/4 entspricht einem 600/8. In Ermangelung eines solchen Objektivs, muss der etwas ungleiche Vergleich herhalten. Alternativ könnte man jetzt noch mit APS-C vergleichen, sprich einem 2100g leichten Canon EF 400/4 DO II für 7149 € (3,40 € pro Gramm, 30,68 € pro mm). Aber auch da spricht der direkte Preisvergleich für das 300/4. Das 300er ist also vergleichsweise ein Schnapper – hätten wir das schon mal geklärt.

Aber jetzt Spass beiseite. Zweitausendfünhundertneunundneunzig Euro sind für die mFT Welt eine ordentliche Hausnummer. Da kommt so manch einer, der mit der Linse liebäugelt, ins Grübeln. Soll/kann/darf man für ein vergleichsweise kleines Sensorformat wie mFT, soviel Geld für eine Linse ausgeben? Ein typischer Jurist würde jetzt sagen – kommt drauf an. Eben. In der Tat, es kommt halt auf den Einsatzzweck an oder zu welcher Benutzergruppe man sich zählt.

Fangen wir mal mit den Profis an. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich immer noch nicht, dass es aktuell auch nur einen professionellen Sport/Wildlife Fotografen gibt, der wirklich mit mFT unterwegs ist. Und ich glaube auch nicht, dass sich das mit dem neuen 300er ändern wird. So verlockend das geringere Gewicht (-40% vs. 400DO) auch sein mag, für einen Profi zählen (auch noch) andere Dinge. Dazu zählen AF-Performance, Robustheit, schnelle Hilfe im Servicefall etc. und das ganze gilt natürlich auch für die Kameras des Systems. Egal ob Verfolgungs-AF (C-AF), verwendete Materialen oder Profi-Service – hier hapert es bei Olympus doch an einigen Ecken. Ja der C-AF ist besser geworden, aber doch meilenweit von einer 7D MKII oder 1 DX entfernt. Ja auch das neue 300er ist abgedichtet, kältegeschützt etc., aber einen wirklich soliden Eindruck wie meine früheren Canon L-Objektive, macht keines der Olympus Objektive. Gerade die neuen m.Zuiko Pro Linsen erwecken nicht den Eindruck, dass sie einen rauen Profialltag lange schadlos überstehen würden. Bei den alten Olympus FT Pro sah das anders aus. Aber vielleicht tue ich den neuen m.Zuiko Linsen auch unrecht. Die Zeit wird’s zeigen. Bleiben eigentlich nur in Olympus vernarrte Amateure, die für den Zoobesuch am Wochenende, die heimische Vogelwelt oder das Fussball-Bezirksligaspiel profimässig ablichten und dafür tief in die Schatulle greifen wollen.

Wie bekomme ich jetzt dennoch die Kurve zur Lovestory mit dem neuen 300er?
Zunächst mal – ich bin kein Profi mehr. Muss mir also keinen Kopf mehr darum machen, ob das 300er im dichten Gedränge einen Schlag ab kann. Auch kann ich mal ein Motiv verpassen, weil der Fokus in einer Serie öfter daneben lag. Ich mach das nur noch zum Spass und kann mit diesen Defiziten leben. Spass habe ich dagegen an der Kompaktheit dieses 300er mit der Wirkung eines 600er. Ich habe Spass an dem neuen und unglaublichen Dual-IS, der mich unglaubliche Zeiten Freihand halten lässt.

300mm f4 bei 1/40 sek. und ISO 400

Also kurzum – seit der Präsentation und erstem Ausprobieren des 300er bin ich verliebt. Bei der Präsentation von Olympus Ende Februar 2016 im Düsseldorfer NRW-Forum am Rheinufer war ich rechtzeitig da und hatte zu Beginn viel Zeit mich mit der Linse zu beschäftigen. Leider war das Licht im Raum sehr bescheiden, so dass sehr lange Belichtungszeiten zustande kamen und ich ein Stativ benötigte. Ich konnte die Linse aber in Ruhe auf einem Stativ montieren und ein paar unwissenschaftliche Tests und Direktvergleiche mit meinem Zuiko 150mm f2 + EC20 durchführen. Der Grund: Alle stürzten sich auf die ebenfalls vorgestellte PEN-F, so dass das eine Exemplar zunächst unbeachtet blieb. Um es kurz zu machen – die Kombi 150+EC20 hatte nicht den Hauch einer Chance gegen das neue 300er. Die Schärfe dieser Linse ist bestechend. Und die Kombi von Body- und Objektivstabilisierung ist schlichtweg unglaublich. Später hatte ich auch die Gelegenheit das 300er mit meinem MC14 auf 420mm zu verlängern und draußen zu testen. Draußen war es leider auch bewölkt, so dass ich mit Zeiten zwischen 1/80 und 1/250 bei ISO 800 vorlieb nehmen musste. Aber selbst da waren die Ergebnisse noch brauchbar. Nicht vergessen – wir reden von einem Bildwinkel <4°. Da führt wirklich jede minimalste Erschütterung zu Verwacklungen und da hat auch ein Dual-IS in Obketiv und Body seine Grenzen.

LR Test 300mm

Oben links sieht man das Gesamtbild, welches mit Stativ und ausgeschaltetem IS aufgenommen wurde. Rechts oben die Belichtungseinstellungen. Die RAW Dateien wurden nur ganz minimal entwickelt. Ein wenig Klarheit (+15) und Schärfe auf 25 – sonst nix.

Nachfolgend einige Crops aus dem direkten Vergleich 150mm f2+EC20 und 300mm f4, welche vom Stativ (Sirui Carbon T-1204) ohne IS, mit Selbstauslöser und mechanischem Verschluss aufgenommen wurden. Entfernung waren ca. 5m. Da sieht man deutlich die Schwäche des EC20 mit dem 150er und wie exzellent das 300er bei Offenblende auflöst.

100% Crop mit 150+EC20

100% Crop mit 300mm f4

Das Bild mit TC14 Konverter wurde Freihand aufgenommen mit 1/160 f5.6 bei ISO 800. In der Normalansicht noch ganz ok. Im 100% Crop sieht man dann doch die leichte Verwacklung. Das geht mit ein wenig mehr Ruhe sicher noch besser. Aber zu dem Zeitpunkt drängelten sich dann doch Einige mehr rund um den neuen Super-Tele Star von Olympus, so dass ich auch nicht mehr ganz so viele Versuche machen konnte.

420mm f5.6

100% Crop 420mm f56

Sehr lobenswert finde ich übrigens die Arca Swiss Aufnahme an der Stativschelle – das 300er konnte so direkt auf meinem Arca Kopf auf dem Stativ befestigt werden – ohne lästige Adapterplatte. Leider hat aber auch das 300er wieder eine dieser fummeligen Stativschellenschrauben erhalten, die sich zudem auch immer wieder leicht lösen. Aus meiner Sicht eine typische Olympus Krankheit, welche ich beim FT 150/2, beim FT 50-200 f2.8-3.5 und beim mFT 40-150 f2.8 schon festgestellt habe. Nicht nur, dass das lästig ist, es verkratzt hat ggf. auch das Objektivgehäuse. Denn irgendwann löst sich die Schelle halt komplett in der Tasche und wandert am Objektivtubus auf und ab.

Was ich wieder vermisse ist ein Entfernungsspeicher, so wie ich ihn von den Canon Super-Teleobjektiven kenne. Damit kann man z.B. beim Fussball auf den Torbereich und die Trainerbank scharfstellen und diese Entfernung fix abspeichern. Fotografiere ich jetzt eine Spielszene auf dem Feld und es tut sich etwas unerwartetes auf der Trainerbank oder dem Torbereich, kann ich blitzschnell mittels Entfernungspeicher auf den voreingestellten Entfernungsbereich scharfstellen und der AF ist somit noch fixer. Auch bei Wildlife kann diese Funktion sehr hilfreich sein.

FAZIT

Ich würde sagen das Olympus -bis auf den Preis- ziemlich viel richtig gemacht hat. Das Wichtigste bei einem Super-Teleobjektiv stimmt 100%ig – die Bildqualität. Auch das Bokeh erscheint mir etwas besser als beim 40-150 f2.8. An das 150 f2 kommt es allerdings nicht heran. Bei Vogelaufnahmen mit naheliegenden Ästen im Hintergrund sollte man vor der Aufnahme zweimal hinschauen. Das ist halt der Preis für auf Schärfe/Kontrast, sowie Kompaktheit getrimmte Linsen.

Jetzt hoffe ich nur noch, dass ich bald ein Exemplar bekomme. Die Verfügbarkeit ist aktuell arg eingeschränkt, da die erste Charge für Europa offenbar recht flott ausverkauft war. Der Durst nach Super-Tele Brennweite bei mFT scheint doch recht gross zu sein.

Um auf den Titel zurückzukommen – ja ich bin verliebt…und dewegen habe ich es inzwischen auch.

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